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Abschnitt 61


--,,Ihr könnt mich mal alle!'', grölte der Mann im feinen Anzug, hin- und herschwankend, die Schwerkraft verhöhnend.

--,,Alle, alle!'', mokierte sich das sie umgebende Häusertal.

--,,Jetzt werdet ihr Siegfried mal kennenlernen!'', und er schwenkte drohend seine Weinflasche.

Vera und Francois wüßten nicht und würden nie genau erfahren, wen der Betrunkene einschüchtern wollte, aber sie ahnten auch nicht, daß sie beide ihn nur wenige Augenblicke später besser kennenlernen würden. Vera nahm ihn nur beiläufig war und versank wieder in ihren überlegungen.

Keinesfalls würde sie mit ihm in seine Wohnung gehen. Vera wollte hart bleiben. Es war ein wunderbarer Abend gewesen, und gerade deshalb fürchtete sie sich davor. Sie hatte Angst, Francois könnte alles mißverstehen und könnte sie bedrängen. Nein, er könnte alles richtig deuten, könnte ihre Augen richtig lesen, und erkennen, was sie nicht wahrhaben wollte. Francois würde nichts tun, was sie nicht wollte. Aber sie wollte es, davor schreckte sie zurück. Es durfte nicht sein. Denk an deine Ehe, denk an deine Kinder, sagte sie sich. Bisher war nichts geschehen und dabei sollte es bleiben. Möglicherweise gäbe es keinen Weg mehr zurück, wenn sie sich auf mehr einließe. Aber war es nicht eh schon zu spät. Sie hatte sich doch in ihn verliebt, wie anders wäre ihr Verhalten im Venus zu deuten. Warum hatte sie ihm die ganzen Lügen über ihre Eltern aufgetischt.

Bankdirektor sei er gewesen ihr Vater, dabei war er nie über den Kassenraum der kleinen Zweigstelle hinausgekommen, bis sie ihn gefeuert hatten, fristlos. Nachmittags habe er immer mit ihr gespielt. Sie in ihrem schicken Kaufladen mit all den tollen Sachen und dem Spielgeld, das ihr Vater ihr immer von der Bank mitbrachte. Er war der Kunde. Und abends dann, wenn sie und später auch ihre Geschwister schon im Bett waren, wären ihre Eltern dann häufig ausgegangen. In schicken Kleidern. Und am nächsten Tag hätte ihre Mama immer vom Vorabend geschwärmt, von dem tollen Film, den sie im Kino gesehen hätten, von dem feinen Essen.

--,,Dann hatte Deine Mutter es ja besser als Du gehabt!'', hatte Francois arglos gesagt.

--,,Wie kommst Du denn darauf?'', hatte sie ihm verdutzt entgegnet.

--,,Von Deinem Mann haben Deine Kinder doch nur wenig! Der ist doch meist weg!''

Das täusche, das wäre nur im Moment so, hatte sie ihm gesagt und dann hatte sie geschwiegen, und Francois hatte taktvoll nicht mehr weiter nachgebohrt.

Plötzlich ein lauter Knall, zerspringendes Glas und ihr Wagen wackelt. Ein lauter Schrei von Siegfried, nachdem er kurz zuvor nocheinmal seine Instruktionen gebrüllt hatte, wo ihn seine imaginären Widersacher lecken könnten.

Er liegt auf der Motorhaube und starrt ins Innere ihres Wagens. Dann richtet er sich auf, torkelt ein paar Schritte zurück und fällt ein paar Meter weiter rücklings auf den Boden.

--,,Da gibt's überhaupt nichts zu lachen!'', gröhlt er, aber bleibt ansonsten reglos auf dem Boden liegen, neben Hundeklo und Litfaßsäule.

--,,Hört endlich auf so dumm zu lachen!'', schimpft er wieder mit der fröhlich rauchenden Gesellschaft auf der Litfaßsäule.

Der Betrunkene strömt einen Übelkeit erregenden Gestank aus: Schnaps, Bier, Zigarettenrauch und Magensäure bildeten das Bouquet, welches er ausatmete. Sie ekelte sich, als sie ihn mit Francois hochgehoben hatte, obwohl er ansonsten nicht heruntergekommen oder liederlich wirkte. Seine Hände waren verschwitzt und klebrig gewesen, und es drängte sie so schnell wie möglich, ihre Hände zu waschen. Dabei war es völlig unnütz gewesen ihn aufzurichten, denn Augenblicke später war er schon wieder im Dreck, diesmal sogar ein Stück näher am Hundeklo. Aber er saß diesmal zumindest, und hatte seine Schwimmversuche eingestellt.

Ein biederer Bankangestellter auf Odyssee, aber den Zorn seiner Penelope fürchtend. Immer wieder flehte er ,,noch nicht nach Hause''. Noch Bier trinken wollte er, lallte er immer wieder. `Bier zischen gehen' oder so ähnlich hatte er gesagt, erinnerte sich Vera. Bloß jetzt noch nicht nach Hause! Wenn sie schlafe, wolle er sich nach Hause schleichen. Vera fragte sich, ob er überhaupt irgendwann den Namen seiner Frau gesagt hatte.

--,,Komm' mit mir! Ich kenne da eine tolle Kneipe! Ich spendier' dir was!'', lud er Francois ein.

Sie liebte Francois höfliches und rücksichtsvolles Benehmen, aber warum konnte er nicht mal wenigstens in solchen Situationen wenigstens ein bißchen grob sein?

--,,Nein danke, und ich glaube, daß sie jetzt besser nach Hause gehen!'', hatte Francois nur gesagt.

Sie bezweifle, ob der überhaupt noch gehen könne. Vollkommen falsch hatte der Betrunkene Francois' Zurückhaltung interpretiert. Er könne ja seine Alte auch mitnehmen, hatte er mit einem animalisch begierigen Blick auf Vera gemeint. Sie sah Francois Entsetzen, aber er wußte sich nicht zu wehren.

In einem Bordell hatte der Trinker wahrscheinlich auch Station gemacht, so ließe sich wenigstens sein vulgäres Gelalle von der roten Barbara verstehen. Tolle Möpse, schallte er immer wieder seine stinkenden Abgase in Francois Richtung. Seine vulgären Ausdrücke überforderten wohl Francois Deutschkenntnisse.

--,,Aber dein Frauchen ist ja auch nicht ohne!'', stammelte er Francois ins Ohr, grinsend, während er mit seinen Händen unter seinen eigenen Fettbrüsten eine wippende Bewegung imitiert. Er lallt in vertraulichem Ton, so, als könne sie ihn nicht hören, als solle sie ihn nicht hören. Francois wehrte sich, er wollte es nicht so stehen lassen. Nicht seine Freundin, nein, oder doch, aber nicht wie er denke, nein, ganz anders.

Widerlich sein Gequatsche, sie sollten ihn einfach liegen lassen, dachte Vera. Dann würde sie nach Hause fahren, und Francois nach Hause gehen. Selbst wenn diese Barbara wirklich ein Nutte sein sollte, so sollte er nicht von ihr sprechen.

Warum sollten sie sich überhaupt um ihn gekümmert? Er war doch selber Schuld, und warum sollten gerade sie für ihn Kindermädchen spielen. Aber sie konnten ihn ja auch nicht einfach so im Dreck liegen lassen. Warum eigentlich nicht? Es war doch kein Winter, so daß er hätte erfrieren können?

--,,Das werde ich Euch nie vergessen!'', stammelte er immer wieder. Meist lallte er noch dazu ,,So wahr ich Siegfried heiße,'' und versprach ihnen, daß er sich erkenntlich zeigen werde.

--,,Schau Dir mal an, wie der Wagen aussieht! Die ganzen Kratzer und diese Beule. Wenn Felix ...!'', sagt Vera.

--,,Meine Versicherung wird alles ...geben Sie mir Ihre Adresse dann ...'', stammelte der Betrunkene.

--,,Oh nein, ...dann ...wir haben ja Vollkasko ...'', sagte Vera.

--,,Das würde ich aber nicht tun! Eure Prämie wird doch dann steigen. Und außerdem, warum willst Du ihn schonen!'', sagte Francois.

--,,Felix braucht doch nicht zu wissen, daß ich noch hier war. Wenn die Versicherung Rückfragen hat oder so!'', raunte sie ihm ins Ohr.

--,,So kann ich ihm ja einfach sagen, daß ich unser Auto irgendwo geparkt habe. Tagsüber zum Einkaufbummel und als ich zurückkam, hab' ich es so vorgefunden!'', sagte Vera, die nun sehr aufgeregt war.

--,,Siegfrieds Versicherung wird für alles ...'', stammelte der stockbetrunkene Siegfried immer wieder.

Und dann lernten sie von ihm, während er von sich weiterhin in der dritten Person wie ein zweijähriger redete, daß Siegfried, Gutes belohne. Siegfried werde ihnen nie vergessen, was sie für ihn getan haben. Wer Siegfried zum Freund habe, könne sich glücklich schätzen, brabbelte er. Aber wer ihn zum Feind habe, und dann gröhlte er wieder Warnungen an seine Widersacher -- Chefs, Kollegen bei der Bank -- in die widerhallende Straße. Siegfried zum Feind zu haben, wäre fürchterlich, sollten sie ihm glauben, sagte er neben Hundekot, auf alten Zigarettenkippen, Vogelscheiße und alten eingetrockneten Rotzflecken sitzend.

--,,Ihr müßt unbedingt noch mit mir nach Hause gehen. Dort habe er noch einen guten Tropfen für für besonder Freunde ...ihr seid doch meine Freunde?''

Siegfried kannte keine Furcht, so hatte er ihnen versichert, aber er hoffte wohl, daß sich seine Frau in Gegenwart von Fremden zurückhalten würde. Ihn zu Fuß nach Hause bringen kam überhaupt nicht in Frage und in ihrem Auto wollte sie ihn auch keinesfalls haben. Womöglich würde er sich noch erbrechen. Ein Taxi, sie würden ihn in ein Taxi stecken und wären ihn los. Vera konnte sich gar nicht mehr erinnern, wer zuerst die Idee hatte: Francois oder sie. Einfach nur in die Telefonzelle, anrufen, ein paar Minuten warten und sie wären ihn los, aber die Zelle war kaputt.

--,,Ich kann's ja auch von meinem Apparat aus machen!'', schlug Francois vor.

Nein, sie hatte nicht mit dem Betrunkenen alleine bleiben wollen. Warum sollte überhaupt einer bei ihm bleiben, fragte sie sich später. Vor was hatten sie eigentlich Angst? Daß er ihnen plötzlich davon laufen könnte? Wohl kaum innerhalb der nächten paar Stunden, und wenn doch, fein! Die größte Gefahr lag wohl darin, daß er auf dreckigen Gehsteig einschlafen könnte?

--,,Da, der kann uns helfen!'', mit diesen Worten machten Francois sie auf einen Mann aufmerksam, der mit seinem Handy am Ohr eine Kneipe verließ und sich in ihrer Richtung auf den Weg machte. Vera schaute Francois nach, der dem Handyträger entgegeneilte. Sie bemerkte nicht, daß der Betrunkene wieder aus seiner sitzenden Haltung umgekippt war, und sein Kopf unmittelbar vor ihren Füßen zu liegen kam.

Kein Problem, sagte der Mann, stolz, daß sein Handy mal wieder sinnvoll einzusetzen war. Seine Finger schwebten schon über dem Tastenfeld, warteten auf eine Ziffernfolge. Aber woher sollte er eine Taxienummer nehmen? Am besten würde er den Notruf anrufen, die könnten ja dann die Polizei oder einen Krankenwagen schicken.

--,,IIeeeehh, scheußlich!'', schrie Vera plötzlich.

Vielleicht könne er ja auch mal in der Kneipe nachfragen, die hätten sicherlich ein Telefonbuch, oder auch, und dann stockte er, als er merkte, daß ihr Schrei nichts mit seinem Vorschlag die Polizei zu informieren zu tun hatte. Er sah, warum sie einen halben Meter zurückgesprungen war. Er bemerkte, den wahren Grund ihres Ekels auf ihrem rechten erhobenen Fuß. Francois war schon dabei mit einem Papiertaschentuch die in alkoholgetränkten Pizzareste von ihrem Fuß zu wischen.

Tue ihm leid, lallte der Betrunkene, während er sich seinen Mund mit dem Handrücken abwischte. Die Pizza sei nicht in Ordnung gewesen, hätte er gleich geschmeckt. In den Dreckstall würde er nie mehr gehen.

Sie solle mit ihm nach oben gehen, schlug Francois vor, dort könne sie sich ihre Schuhe reinigen.

Während sie im Hausflur verschwanden, und die Türe sich langsam schloß, hörten sie noch:

--,,Das werde ich Euch nie vergessen. Siegfried vergißt seine Freunde nicht ...''



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