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Abschnitt 9


War sie eben gerutscht? Ihr Puls ging plötzlich rasend schnell. In der Kurve war es glatt gewesen. Sie sollte sich besser auf die Straße konzentrieren, dachte sie, fünfzehn Kilometer von dem Krankenhaus entfernt und die Erinnerung an diesen Schreck tauchte wieder auf, als sie auf dem kleinen dreibeinigen Hocker in der Intensivstation saß. Unbequem war ihr Sitz und sie fühlte sich hilflos. Ihre Mutter schlief, wie im Koma. Aber sie schliefe nur, versicherte ihr die dicke Krankenschwester, die freundlichere von den beiden, die immer wieder im Raum auftauchten und die Geräte ablasen und irgendwelche Zahlen in die Akten ihrer Mutter und der beiden andern Patienten eintrugen. Sie war dick und klein, und sie bewegte sich schnell und wieselig. Alma heiße sie, und Vera brauche sich keine Sorgen zu machen, ihre Mutter werde bestens versorgt. Aber auch ihr konnte sie keine klare Aussage entlocken. Auch sie nahm sich nicht die Zeit, oder konnte sie nicht aufbringen, mit Vera in Ruhe über ihre Mutter zu reden. Was meinten die Ärzte? Wie sah ihre Diagnose aus? Wie würde es jetzt weitergehen? Alma, die immerzu freundlich lächelnde, schenkte ihr dann lediglich ihr Wird-schon-wieder-gut, ihr Sie-ist-in-guten-Händen oder ihr Machen-Sie-sich-keine-unnötigen-Sorgen, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, und wohl auch ohne ihr richtig zuzuhören. Aber Vera war dennoch dankbar für ihre freundlichen Gesten. Woher nahm sie nur all diese Unbeschwertheit, während sie täglich mit den schrecklichsten Schicksalen konfrontiert war, dachte Vera, da sie selbst doch schon nach so kurzer Zeit glaubte, es nicht mehr ertragen zu können. Da schien ihre Kollegin weitaus besser zu passen: Skeptikerfalten um Mund und Nase und ein Gesicht welches kein Lächeln zu kennen schien. Das freundlichste Wort, das Vera ihr entlocken konnte, war ein undeutliches Guten-Morgen. Vera war für sie bestenfalls ein Hindernis im Blickfeld auf die Monitore. Hilde hatte Vera sie getauft, denn vorgestellt hatte sie sich nicht. Wie die Hilde, die sie kannte, war sie riesig und wirkte ebenso mißmutig und unnahbar. Hätte sie bloß nicht diesen dicken Pulli angezogen, dachte Vera immer wieder vor dem Bett ihrer Mutter. Sie spürte, wie sich die Schweißtropfen unter den Achselhöhlen bildeten und hinunterliefen. Wenn sie wenigstens Taschentüscher dabei hätte, dann könnte sie diese drunterklemmen. Das Heer von Geräten irritierte sie. Sie tickten und brummten, pumpten und immer wieder schrak sie auf, wenn eines sich mit durchdringendem Piepsen meldete. Welches Gerät war es? War es eines der Geräte der anderen Frau, der Mutter des Althippi? Im Warteraum hatte er über die Wechselsprechanlage seinen Namen genannt und gebeten zu seiner Mutter gelassen zu werden. Wenige Augenblicke nach ihr hatte er an ihrem Bett Platz genommen und blieb dort fast eine halbe Stunde. Zärtlich hatte er den mit Schläuchen gespickten Arm und die Hand seiner Mutter gestreichelt. Ständig redete er mit ihr, manchmal konnte Vera den Eindruck haben seine Mutter habe ihm geantwortet, als gehe er auf Einwände ein. Er erzählte ihr von seiner Arbeit, richtete ihr Grüße von den Nachbarn aus und bot ihr den neusten Tratsch feil. Vera schämte sich, daß sie sich so in ihm getäuscht hatte. Sie hatte ihn als rücksichtslos und brutal eingestuft. Oder war es doch eines der Geräte, mit mit ihrer Mutter verbunden waren? Wenn ja, dann starrte sie sogleich auf die ständig pulsierenden Kurven, und rätselte, ob sich etwas zum Schlechteren bei ihrer Mutter gewandelt haben könnte. Große Zacken, kleine Zacken, breite Täler, Doppelgipfel, was war normal? Bei ihrer Mutter konnte sie meist keine Änderung feststellen. Tief und fest, in ihrem ohnmächtigen Schlaf. Pfeifende Geräusche beim Atmen. Dann kamen sie Alma oder Hilde, manchmal auch beide zusammen, drehten an vielen Knöpfen, kippten Schalter oder hängten neue Flaschen in die Halterungen. Immer blieben sie ruhig, wirkten sie unbeteiligt, auch wenn sie rannten und große Hektik ausstrahlten. All die Hoffnungslosigkeit dieser Station schien sie nicht zu tangieren. Es mußte wohl so sein, anders könnten sie es wohl auch nicht ertragen.

Was war los mit der einen Kurve, fragte sich Vera plötzlich. Die ganze Zeit schwang sie doch immer viel tiefer nach unten und oben? Jetzt tänzelte sie nur noch knapp um die Mittellinie. Hatte das was mit dem Herzen zu tun? Schlug es nicht mehr richtig? Schnell eine Schwester oder einen Arzt rufen, dachte sie.

Wäre nicht kurze Zeit vorher der Alarm am Bett der Frau, die wohl anscheinend ihr Leben nur noch den Geräten verdankte, gewesen, wäre sie vielleicht ruhiger geblieben. Aber es hatte an ihren Nerven gezehrt, mehrere Geräte hatten gleichzeitig gepiepst, und sie waren hereingeeilt, zu dritt, Hilde, Alma und diesmal sogar der bärtige, langhaarige Pfleger. War wohl ein Zivi, dachte Vera. Schnell und gezielt arbeiten sie an den Geräten, aber sie hatten nicht ihre Unterhaltung gestoppt. Gesprächsfetzen und Bilder, wie sie an der Frau gearbeitet hatten, geisterten immer noch durch Vera Bewußtsein: ,,Sie weiß noch nicht mal, was er von Beruf ist!'', ,,In der Disco kennengelernt, stellt euch vor'', ,,Er soll toll aussehen!'' und ,,Da hätte sie auch mich nehmen können!'' ,,Das wag ich zu bezweifeln!'', lachte Schwester Hilde schallend, und Alma lächelte ihn mitleidsvoll an, während der Alarm von neuem ertönte. ,,Wir sollten den Doktor verständigen, das sieht nicht gut aus!''



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