Procrastination

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Prokrastination und Politik


Ein Aspekt der Prokrastination findet sich nur sehr selten in Fachbüchern oder Artikeln über das Aufschiebeverhalten. Das Aufschieben ist nicht nur ein Problem von Individuen, sondern auch Gruppen und Firmen; ja sogar ganze Gesellschaften sind davon befallen. So, wie Krieg die konsequente Verallgemeinerung von Mord und Totschlag auf staatliches Handeln darstellt, so gibt es auch für Menschen in Zusammenschlüssen jeglicher Art eine Form von kollektiver Prokrastination.

So kann es sein, dass dringend notwendige Gesetze nicht oder zu spät verabschiedet werden, dass Firmen es verschlafen, sich neue Märkte zu erschließen oder ihre Produkte den Wünschen der Konsumenten anzupassen, dass Sportvereine es zu lange aufgeschoben haben, sich um ihren oder neuen Nachwuchs zu kümmern. Man braucht nur eine Tageszeitung aufzuschlagen und kann diese Liste mühelos erweitern.

Der wesentliche Unterschied zum individuellen Aufschiebeverhalten besteht jedoch in der Bewertung. Die Entscheidung, wann und ob eine Aktion eines Staates sinnvoll ist, unterliegt in der Regel der politischen Bewertung der einzelnen Parteien und Lobbyisten. Auch wenn Wirtschaftswissenschaftler und sogenannte Wirtschaftsweisen den Eindruck erwecken, dass es sich bei ihren Empfehlungen, oder sollten wir besser Prophezeiungen sagen, um exakte wissenschaftliche Fakten handelt. Ihre Berechnungen sind meistens korrekt, aber die Annahmen, auf die sie ihre Berechnungen aufbauen, fußen auf ihrer politischen Herkunft und sind meist rein willkürlich und dogmatisch. Mathematisch ist es klar: Aus "falsch" folgt alles! Macht man falsche oder unvollständige Angaben, so kann man alles folgern, aber man darf natürlich nicht erwarten, dass die Folgerungen irgendeinen Bezug zur Realität haben. Wenn Sie mehr über den unsachgemäßen und falschen Umgang mit Mathematik und mathematischen Methoden erfahren wollen, empfehlen wir Ihnen die SeiteLügen mit Statistik!

Warnung: Im folgenden verlassen wir nun den wissenschaftlichen Boden und kommen zu subjektiven Bewertungen, die aber deshalb nicht notwendigerweise falsch sein müssen:

Manchmal gibt es auch so etwas wie einen allgemeinen Konsens, wann oder ob etwas dringend notwendig sei. Seit einigen Jahren werden so zum Beispiel in Deutschland und anderen Industrienationen gebetsmühlenartig dringende Reformen unter dem Deckmantel der Globalisierung angemahnt. Man meint damit in erster Linie drastische Kürzung der Löhne, der Rentenleistungen und der Sozialleistungen. Natürlich nur für die Empfänger unterer und mittlerer Einkommen. Wer dies nicht einsieht, ist ein ewig Gestriger und man spricht ihm jeglichen Sachverstand ab. Leute, die im Gegensatz zum Zeitgeist noch Begriffe wie zum Beispiel soziale Gerechtigkeit benutzten, werden als ideologisch verblendet gesehen. Das Zeitalter der Ideologien sei vorbei, postulieren die Dogmatiker des Neoliberalismus.

Einige wahllos ausgesuchte Ausschnitte aus Presseberichten, die das Vorkommen des Begriffes "Aufschieben" im Zusammenspiel mit "Reformen" zeigen. (Wahllos ausgesucht unter schiedenen Ergebnissen einer Suchmaschine):
  • ... seien daher strukturelle Reformen auf der Ausgaben- wie der Einnahmenseite unumgänglich, welche nach Auffassung des IMF nicht aufgeschoben werden sollten, da ...
  • "Das darf nicht weiter auf die lange Bank geschoben werden. Meldungen über den vorgezogenen Bundeszuschuss in die gesetzliche Rentenversicherung zeigen, wie dringend eine Anpassung an die aktuellen Gegebenheiten ist“, sagte der stellvertretende" dbb jugend Vorsitzende Thomas Löwe.
  • Ein weiteres Aufschieben derartiger Reformen wird sich jedoch weiterhin negativ auf die internationale Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit der deutschen Hochschulen auswirken. So wünschenswert und notwendig die Aufstockung von finanziellen und personellen Ressourcen hierbeiauch ist, die grundsätzliche Reformnotwendigkeit wird sich darin kaum erschöpfen dürfen.
  • „Mit dieser kurzsichtigen Politik muss endlich Schluss sein“, so van Essen weiter. „Ein weiteres Aufschieben der überfälligen Reformen kann sich unser Land leider nicht leisten.“
  • Ein Weg zurück bzw. ein Aufschieben weiterer Reformen sei der falsche Weg, der nur zur Selbst-Lähmung im internationalen Wettbewerb führe.
  • Um den Einigungsprozeß erfolgreich fortzuführen und Europa wieder zu einem wirtschaftlichen Aufschwung zu verhelfen, seien jedoch besonders Deutschland und Frankreich in die Pflicht genommen, die längst überfällige Reformen nicht länger aufschieben dürften.
  • Ein Zerreden und Aufschieben der Reformen führt uns nur noch tiefer in die Rezession.
  • ... glaubt man nun durch erneutes Aufschieben von wichtigen Reformen ... die angeschlagene Regierungspartei wieder auf den Pfad der Sieger zurückführen zu können.
  • Politik will die unpopulären Entscheidungen aufschieben



© 2005 - 2010 Bernd Klein